Schumacher 2013 - Small is beautiful

Small is beautiful

Alleine der Titel ist schon ein subversiver Affront gegen die ökonomische Adipositas gingantea – zu deutsch: riesiger Wachstumswahn unserer Wirtschaft. Klein soll schön sein? Wie bitte? Sind doch die beliebtesten Arbeitgeber auch bei uns in Deutschland keine kleinen Unternehmen, sondern globale Konzerne mit bis zu mehreren hunderttausend Mitarbeitern wie BMW, Google, Audi, Bosch oder Siemens, um nur die Erstplazierten zu nennen. Die “Young Professionals” – herrlich dieses Business English, nicht wahr? – also die jungen Berufstätigen sind scharf auf Größe. Da gibt es kein Vertun. Schließlich kann man nur in einem großen Konzern richtig Karriere machen und weit aufsteigen, denn wenn die Hierarchieleiter nur drei Sprossen hat, dann kommt man nicht so besonders hoch hinaus. Außerdem ist doch absolut unbestritten, dass Größe unschlagbare Effizienzvorteile mit sich bringt. Wieso also sollte klein schön sein? Cave: Schumacher war ein brillanter Geist und er zerlegt genüsslich den Schwachsinn einer ewig wachsenden, größengeilen Wirtschaft. Wer scharf auf groß ist und es bleiben will, wer weiterhin unbekümmert seinen Kniefall vor den leuchtenden Zentralen der Konzerne machen will, sollte jetzt besser nicht weiterlesen.

Schumacher 2013 - Small is beautiful

Die englische Originalausgabe erschien vor 40 Jahren auf englisch und folgte 1977 auf deutsch. Der oekom Verlag hat dieses Jahr diesen Klassiker alternativer Wirtschaftsliteratur neu herausgegeben. Ein großer Wurf, soviel schon vorab. Denn es ist heute noch faszinierender, Schumachers Hauptwerk zu lesen, als in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts. Die Zeit und ihr sich darin entfaltender wirtschaftlicher Verlauf geben ihm Recht. Die neue Ausgabe kommt mit einem lohnenswerten Vorwort des deutschen Professors für Produktion und Umwelt Niko Paech, der mittlerweile als radikaler und konsequenter Wachstumskritiker bekannt geworden ist. Sein ebenfalls sehr gutes Buch →”Befreiung vom Überfluss” gehört mittlerweile auch zur Standardliteratur einer menschlichen und ökologisch-sozial nachhaltigen Wirtschaft.

Schumachers Problemanalyse hat es in sich:

  1. Wohlstandsillusion: Die gesamtgesellschaftliche, über die Wirtschaft hinaus gehende Behauptung, Wohlstand wäre die sicherste Grundlage für ein friedliches und glückliches Beiandersein, ist falsch. Schumacher zerlegt sie in die drei Teile, dass allgemeiner Wohlstand möglich ist, dass er zweitens “auf der Grundlage der materialistischen Lehrmeinung “Bereichert Euch” erreicht werden kann” und das das drittens “der Weg zum Frieden ist.” (S. 31)
  2. Ausbeutung der Natur: Für unseren katastrophalen Umgang mit natürlichen Ressourcen macht Schumacher unsere Haltung verantwortlich, nicht wertzuschätzen, was nicht von Menschenhand geschaffen wurde. Dabei übersehen wir immer wieder aufs Neue, dass wir selbst nur umwandeln, aber nicht erschaffen können. Und natürlich, dass bestimmte Ressourcen begrenzt sind und nicht für ein grenzenloses Wachstum zur Verfügung stehen.
  3. Ökonomisierung der Gesellschaft:  Im dritten Kapitel untersucht Schumacher die Ursachen und Folgen der Wirtschaftswissenschaften als gesellschaftliche Leitdisziplin. “Das ist nicht wirtschaftlich” wird dabei zu einem Schlachtruf, mit dem alle in die Flucht geschlagen werden sollen, die es wagen, etwas nicht vom Standpunkt der Gewinnmaximierung zu betrachten (So beispielsweise der Ex-Vizepräsident der EG, Sicco Mansholt: “Niemand kann sich den Luxus leisten, unwirtschaftlich zu handeln.” S. 115). Dabei ist die Wirtschaftswissenschaft ein “überaus bruchstückhaftes Urteil”, was er unter anderem an Rentabilitätsrechnungen vorführt. Desweiteren reduzieren die Wirtschaftswissenschaften die Welt auf quantitative Unterscheidungen, weil sie so schön leicht messbar sind, ganz im Gegensatz zu ebenso wichtigen qualitativen Unterscheidungen. Bei der Behandlung von Gütern werden nur oberflächliche Unterscheidungen getroffen, nicht aber, ob sie natürlich oder durch Menschen erzeugt wurden oder ob sie erneuerbar sind oder nicht. Praktisch äußert sich dies darin, dass auf dem Markt alle Güter mit einem Preisschild versehen sind und wir damit so tun können, als wären sie alle von gleicher Bedeutung und im Wert über den Preis vergleichbar.
  4. Zwanghafte Nutzung von Mitteln: Haben wir erst bestimmte technische Mittel erreicht, entsteht eine Eigendynamik, die dazu führt, dass wir zwangsläufig diese Mittel nutzen müssen, egal ob die damit verbundenen Ziele für die menschliche Gemeinschaft sinnvoll sind oder nicht. Schumacher nimmt dies ähnlich war, wie der österreichische Philosoph Günther Anders und kommt zu dem Ergebnis, dass durch den Vorzug von Mitteln vor Zielen “die Freiheit des Menschen und seine Fähigkeit zerstört wird, das zu wählen was er wirklich will. Die Entwicklung der Mittel diktiert sozusagen die Wahl der Wünsche.” (S. 57)
  5. Arbeitsteilung und das westliche Verständnis von Arbeit führt zwangsläufig in die Misere, in der wir stecken. Aus Arbeitgebersicht, ist Arbeit ein Kostenfaktor den es zu Zwecken der Gewinnmaximierung so weit als möglich zu senken gilt. Am besten werden Menschen durch Maschinen ersetzt. Es gibt eine klare Tendenz gegen Null. Aus Arbeitnehmersicht ist die Arbeit häufig derart sinnentleert, dass der Arbeitslohn Schmerzensgeld ist. Idealerweise wäre die häufig idiotische und demotivierende Tätigkeit zu vermeiden. Aus beiden Perspektiven ist Arbeit ein Übel, das soweit als möglich reduziert werden sollte.
  6. Industrialisierung der Landwirtschaft: Ein weiteres großes Problem entsteht, da wir unsere Landwirtschaft zunehmend industrialisieren. Schumacher bezieht sich auf den irrsinnigen Plan des ehemaligen Vizepräsidenten der EG, Sicco Mansholt. Er schlug vor, in maximaler Geschwindigkeit kleine Höfe zu industriell geführten landwirtschaftlichen Einheiten zusammenzulegen. Landwirtschaft ist in der Disskusion um den Mansholt-Plan zur Industrie geworden. Schumacher weist jedoch darauf hin, dass Landwirtschaft prinzipiell mit lebenden Substanzen zu tun hat, während Industrien prinzipiell mit toter Materie arbeiten. Dabei ist das Ideal die Ausschaltung lebender Substanzen, denn die lassen sich keiner möglichst vollkommenen Qualitätskontrolle unterziehen. Das widerwärtige Ergebnis kennen wir heute nur allzu gut.

Seine Lösungsvorschläge sind genauso beachtlich:

  1. Bildung: Die Ursache unserer heutigen Misere liegt im wertegeleiteten Kreislauf aus Wahrnehmen und Denken. Bildung meint immer noch theoretisches und praktisches Wissen. Bis heute dominiert nicht nur relativ banales Wissen den Bildungsbetrieb; es wird vielmehr zunehmend schlimmer als in den 1970ern. Dank dem Wahnsinn von PISA fallen Unterrichtsfächer wie Religion, Ethik, Kunst oder Sport ganz aus dem Bewertungsraster. Wichtig erscheinen nur die Fächer, die anschließend wirtschaftlich direkt nutzbar sind, wie Mathematik, Naturwissenschaften, Sprachen. Diese unsägliche Ignoranz gegenüber der Bedeutung und dem Wert einer auf Werte fokussierten Bildung zeigt sich auch im völlig verblödeteten Selbstverständnis der meisten Wirtschaftswissenschaftler: Die tun nämlich so, als wäre ihr Wissensbestand voraussetzungslos. Tatsächlich aber entstehen deren krude, fragmentierte und extrem reduzierende Gedankegebäude nur deshalb in der Art, wie wir sie heute kennen, weil die Damen und Herren eben bestimmte Werte verinnerlicht haben. Und die stülpen sie ungefragt dem Rest der Welt über. Genau deshalb ist es so wichtig, unser Bildungssystem fundamental neu zu denken, und die Vorherrschaft wirtschaftlich verwertbaren Know-Hows zu durchbrechen.
  2. Sinn- und gemeinschaftsorientiertes Arbeistsverständnis: Arbeit sollte Menschen ermöglichen, ihre Fähigkeiten zu nutzen und weiter zu entwickeln; sie hilft Menschen, sich aus ihrer Ich-Bezogenheit zu lösen und sich mit anderen Menschen zu verbinden, indem gemeinsam etwas für das Gemeinwohl produziert wird – und zwar drittens Güter und Dienstleistungen, die für ein menschenwürdiges Dasein nötig sind. Produkte wie Tamagotchis, die zu lasten des Gemeinwohls gehen, würden wesentlich seltener auf den Markt kommen und müssten anschließend auch nur seltener entsorgt werden.
  3. Mittlere Technologie: Diesen begriff prägte Schumacher und setzte gleichzeitig eine weitere, pointierte Formulierung in die Welt: Die Produktion der Massen statt Massenproduktion. Technologien und Produktionsmittel müssen demokratisiert werden. Denn durch die hochkomplexen und infolgedessen äußerst kostenintensiven Technologien kommt es fast automatisch zu deren Zentralisierung und damit Kontrolle durch einige wenige Menschen. Würden hingegen deutlich einfachere Technologien durch mehr Menschen lokal zur Produktion genutzt, hätte das diverse Vorteile: Markteintrittsbarieren werden gesenkt und dadurch zusätzlich die Demokratisierung der Wirtschaft ermöglicht. Das wiederum hätte zur Folge, dass im Sinne der Wissensgesellschaft schlecht ausgebildete Menschen wieder im Arbeitsmarkt Fuß fassen könnten. Letztlich würde diese Strategie die enorme, sich immer weiter öffnende Einkommensschwere wieder deutlich schließen. Sofern die Hebelwirkung zur Erzielung des Gehalts von der eigenen Schaffenskraft abhängt, würden sich die Einkommensunterschiede in überschaubaren Grenzen bewegen. Dadurch würde die Ungleichheit nivelliert, die zum großen Teil zu einer Menge unserer heutigen Probleme führt (→”Gleichheit ist Glück“).

Fazit: Die Wiederauflage dieses Buches ist durch und durch begrüßenswert. Es ist lohnenswert für alle, die pointiert und frisch gedacht wirtschaftliche Zusammenhänge prüfen und Wirtschaft radikal anders denken wollen.

 

Herzliche Grüße
Andreas Zeuch

Schumacher, E.F. (2013/1977): Small is beautiful. Die Rückkehr zum menschlichen Maß. oekom. Gebunden mit Schutzumschlag, 320 Seiten. 19,95€

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