Geben und Nehmen

Liebe Leserinnen und Leser!

„Geben ist seliger als nehmen.“ – hieß es schon im neuen Testament. Das es glücklicher machen könnte, als vorzugsweise zu nehmen, gar zu raffen, ist auch ohne Wissenschaft recht offensichtlich. Aber im Kontext von Arbeit und Wirtschaft? Da wird es spannend. Kriegen wir nicht ständig gepredigt, dass die Eigennutzenmaximierung eine der beiden Säulen unserer Wirtschaft wäre? Und sind nicht diejenigen erfolgreicher, die Ihr Ego aufblasen und es vorne an stellen? Ich jedenfalls bin genau davon ausgegangen. Alleine deshalb ist Grants Buch für mich eine wertvolle Lektüre gewesen: Geber haben in vielfältiger Weise die besseren Karten als Nehmer und sogar als Tauscher. Grant leistet mit seinem Buch neben Werken wie →“Wieviel ist genug“ oder →“Small is beautiful“ einen weiteren fundamentalen Beitrag zu einem Wirtschaftswandel hin zu einer funktionierenden Gemeinwohlökonomie.

Grant 2013 - Geben und nehmen

Adam Grant ist Organisationspsychologe an der Wharton Business School der University of Pennsylvania. In dieser Rolle hat er sich seit rund zehn Jahren mit drei verschiedenen professionellen Wahrnehmungs- und Verhaltensmustern beschäftigt: Geben, Nehmen und Tauschen. „Nehmer … möchten mehr bekommen als sie geben. … Geber … ziehen es vor, mehr zu geben, als sie bekommen und Tauscher … orientieren sich am Prinzip der Fairness … indem sie etwas … zurückbekommen wollen.“ (S. 10f*). Natürlich handelt es sich, wie bei jeder Typologie um zunächst idealtypische Formen, die in der wirklichen Welt selten in Reinform anzutreffen sind. Soweit das Grundgerüst. Spannend wurde es mit folgendem Muster, dass Grant in verschiedenen Studien fand: Geber stehen, wie zu erwarten ist, aus verschiedenen Gründen am Ende der Erfolgsleiter: Sie sind zu vertrauensvoll und ordnen Ihre Belange den Interessen anderer unter. Allerdings gab es eine kleine Überraschung: „Wer steht am oberen Ende (der Erfolgsleiter) – Nehmer oder Tauscher. Weder noch. … Es sind wieder die Geber.“ (S. 13, Kursiv im Original).

Und so finden sich immer deutlichere Hinweise und Belege, dass es auch beruflich und wirtschaftlich lohnenswert ist, zu geben, statt zu nehmen oder auch nur zu tauschen. Einer der vielen von Grant meist zu detailliert ausgeführten Fallbeispiele verdeutlicht dies anhand der Bildung des eigenen Netzwerkes: „Im Jahr 2011 hatte Adam Rifkin mehr LinekdIn-Kontakte zu den 640 mächtigen Personen auf den Fortune-Listen, als jeder andere Mensch auf dem Planeten.“ (S. 57). Auch wenn dies als alleinige Kennzahl wohl etwas fraglich wäre, so ist es doch ein durchaus brauchbares Beispiel. Denn Rifkin wird immer wieder als ein äußerst generöser Geber charakterisiert, so sehr, dass es fast schon unheimlich anmutet.

Umgekehrt kann man sich als Nehmer mit Verve und Effizienz in beide Knie gleichzeitig schießen. Das verdeutlicht Grant mit der Geschichte von Jonas Salk, der mit seinem Team 1955 einen sicheren Polioimpfstoff herausbrachte. Immerhin reduzierte der Einsatz dieses Impfstoffes die Poliofälle um fast 90 Prozent. Damit wurde Salk zu einem medizinischen Helden. Salk sah aber leider vor allem sich selbst als Held und verschwieg bei einer „historischen Pressekonferenz“ die wichtigen Beiträge anderer Forscher, die ein Jahr vorher sogar „den Nobelpreis für ihre bahnbrechende Arbeit bekommen hatten, auf deren Grundlage Salks Team den Impfstoff überhaupt erst hatte herstellen können.“ (S. 106) Damit war die Karriere von Salks im Prinzip beendet, er erlangte keine vergleichbaren Ergebnisse mehr. Die brutale Ignoranz der anderen Beteiligten, die Verweigerung der Anerkennung wurde ihm von der wissenschaftlichen Gemeinschaft nicht verziehen. Er bekam keinen Nobelpreis und auch andere wichtige Ehrungen wurden ihm nicht mehr zuteil.

Einen logischen Knoten im Hirn bekam ich zunächst, als Grant im siebten Kapitel erklärt, wie man „nie mehr Schlusslicht“ wird – nämlich indem man als Geber darauf achtet, anderen Menschen nicht per se Vertrauen entgegenzubringen, sondern eine Aufrichtigkeitskontrolle durchführt. Keine Frage, das ist verständlich, denn ansonsten werden manche Geber nun mal zu Opfern. Allein: In dem Moment, in dem diese Kontrolle durchgeführt wird, mutieren Geber zu Tauschern. Denn sie wollen sich im Vorfeld absichern, am Ende des Tages nicht über den Tisch gezogen zu werden. Ein paar Seiten später wurde der Sinn dann aber schnell klar: Man wechselt als Geber bewusst aus seinem normalen Modus in den Tauschermodus, sobald man mit Nehmern zusammenkommt. Es ist ein zeitlich begrenzter Wechsel der Typologie. Was – keine Frage – Sinn machen kann. Denn das großzügige Tit for Tat ist eine spieltheoretisch fragliche, aber praktisch sinnvolle Variante: „Vergiss nie einen guten Zug, aber verzeih gelegentlich einen schlechten.“ (S. 253).

Adam Grant bei einem TEDx Vortrag

Das Buch schließt mit einer ausführlich kommentierten Auflistung konkreter Handlungsratschläge, die Potential haben, einiges zu ändern, wenn sie umgesetzt werden. Hier fünf der zehn Ratschläge:

  1. „Richten Sie einen Reziprozitätsring ein.“ Ein Gruppe von Leuten trifft sich, um Anliegen vorzutragen und bei deren Erfüllung zu helfen.
  2. „Lassen Sie sich auf den Fünf-Minuten-Gefallen ein.“ Das kann alles mögliche sein, aber bitte: Täglich.
  3. „Schließen Sie sich einer Gemeinschaft von Gebern an.“ Das muss ich sicher nicht kommentieren…
  4. „Helfen Sie bei der Finanzierung eines Projekts.“ Das kann über echte Kontakte laufen oder auch über entsprechende Plattformen.
  5. „Ersuchen Sie öfter um Hilfe.“ Dürfte selbstverständlich sein, oder?

Bei dem fast schon als Wunderkind gehandelten Grant ist es erstaunlich, dass er wissenschaftlich neutral darstellt, wann bestimmte Eigenschaften des Geberverhaltens erfolgreicher sind als Tauscher- oder Nehmermuster und wann letztere besser ankommen – ohne dabei das Offensichtliche zu sehen: „… überall da, wo die meisten Angestellten eines Geschäfts einfach nur ihre Arbeit verrichten, (tun) Manager gut daran, machtvolle Kommunikation zu nutzen. Sind allerdings die meisten Mitarbeiter proaktiv, indem sie etwa neue Ideen für eine effektivere Pizzazubereitung und -auslierferung entwickeln, erweist sich die machtvolle Kommunikation als Nachteil“ (S. 246) Da stellt sich doch die Frage, warum einige Mitarbeiter passiv und andere aktiv sind? Und vor allem: Sollten nicht alle Unternehmen möglichst viele „proaktive“ Mitarbeiter haben? Desweiteren: Einfache, mechanische Arbeiten, bei denen vorzugsweise Passivität aufgrund der erleben Sinnlosigkeit entsteht, wird über kurz oder lang sowieso durch Maschinen ersetzt. Da braucht dann gar nicht mehr kommuniziert werden.

Fazit: Ein Buch für alle Geber – es macht Mut, so weiterzumachen und nicht aufzugeben. Und ein Buch für alle Tauscher und Nehmer – es könnte Sie auf die Idee bringen, das eigene Verhalten zu ändern.

 

Herzliche Grüße

Andreas Zeuch

 

Grant, A. (2013): Geben und Nehmen. Erfolgreich sein zum Vorteil aller. Droemer Knaur. Hardcover, 448 Seiten. 19,99€

*Die Seitenanzahl bezieht sich auf die E-Book Version.

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