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Digitale Demenz

Liebe Leserinnen und Leser!

Digital Natives, Generation Y, Generation Google – das ist die Zukunft, oder? Menschen, die im Netz zuhause sind, ihre Smartphones und Tablets begnadet und vor allem überaus sinnvoll nutzen, Meister des Microbloggings á la Twitter, multitaskingfähig qua Gnade der späten Geburt, Virtuosen der Informationssuche und Internetrecherche. Eine neue Generation Mensch. Optimiert für die Zukunft des Informationszeitalters, allen Älteren weit überlegen, die den Anschluss an die digitalen Welten und damit das moderne Leben insgesamt längst verpasst haben. Blödsinn. Anstelle der Verheißungen über den Zauber neuer digitaler Technologien und Medien präsentiert Manfred Spitzer vielmehr eine weitreichende Ernüchterung. Die unreflektierte Nutzung von Hard- und Software schadet uns, anstatt zu nutzen. Der einzige Gewinn findet auf den Konten der Produzenten statt. Und die leisten damit einen Beitrag zu einer armseligeren Welt und verhindern aktiv eine menschlichere Wirtschaft.

Manfred Spitzer beginnt sein Buch mit einem entlarvenden Zitat: “Bücher werden in Schulen bald obsolet sein…” Etwa aufgrund all der tollen neuen iBooks und E-Books? Nein, weit gefehlt: “… Es ist möglich, jeden Zweig des Wissens der Menschheit mit Hilfe von Filmen zu lehren. Unser Schulsystem wird innerhalb von zehn Jahren vollkommen verändert sein.” Das glaubte Thomas Edison im Jahr 1913! Und so gingen die hysterischen Zukunftsausrufereien munter weiter. Mit dem Fernsehen war es genauso, dann folgten Computer, heute sind es Tablets und die aktuellen, darauf laufenden Lern- und Bildungsprogramme. Was aus der Edisonschen Vision geworden ist, wissen wir. Und wie das Fernsehen zu unserer Bildung beigetragen hat, ist auch bekannt. Müssen wir tatsächlich alle neuen Technologien unkritisch aufnehmen und uns vor ihnen in den Staub werfen? Wohl kaum. Das zeigt Spitzer auf den folgenden rund 300 Seiten. Der Begriff der “Digitalen Demenz”, den es dabei zu belegen gilt, stammt keineswegs von Spitzer, sondern von südkoreanischen Ärzten, die “bei jungen Erwachsenen immer häufiger Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen sowie emotionale Verflachung und allgemeine Abstumpfung” feststellten.

Folgende Kompetenzen, Fähigkeiten und Herausforderungen untersucht Spitzer im Zusammenhang mit dem Konsum und Einsatz digitaler Medien und Technologien:

  • Lernen
  • Gedächtnis
  • Soziale Kompetenzen
  • Umgang mit Informationen
  • Aufmerksamkeit
  • Selbstkontrolle
  • Schlaf und allgemeine körperliche Gesundheit
Quer dazu dreht Spitzer die verschiedenen chronologisch geordneten Anwendungsfelder wie Pseudo-Baby-Bildung (Baby-TV und DVDs), Laptops im Kindergarten und Digitale Spiele durch den Wolf wissenschaftlicher Untersuchungen.
Zusammengefasst bleibt nicht viel Gutes übrig: Laptops und Tablets sind eher Lernverhinderungsmaschinen als der neue Bildungshimmel, unser Gedächtnis wird durch die fast permanente Auslagerung von Wissen in die Cloud und unsere Computer geschwächt, Soziale Netzwerke führen, wenn sie von Kindesbeinen an viel genutzt werden (und sie werden viel genutzt!), zu schlechterer Sozialkompetenz, Digital Natives (Generation Y und Google) verflachen in ihrem Umgang mit Informationen, ständiges Multitasking führt dazu, dass Multitasking eben gerade nicht beherrscht wird und Konzentration abnimmt, Selbstkontrolle wird zunehmend unterminiert und der zunehmend suchtartige Gebrauch von Internet, Spielen, Sozialen Netzwerken etc. führt zu Schlafmangel und negativen gesundheitlichen Folgen bis hin zu nachweisbaren Zusammenhängen mit früher eintretendem Tod.

Wirklich erschreckend und ärgerlich sind Spitzers Erlebnisse mit unseren Politikern, politischen Gremien und Institutionen. Im 13. Kapitel “Kopf in den Sand? – Warum geschieht nichts?” entpuppen sich angebliche Expertengruppen als Lobbyistenversammlung, Expertenberichte mit zahlreichen Studien und ernstzunehmenden Hinweisen auf die Schädlichkeit digitaler Medien und Technologien führen zum absurden Ergebnis, es gäbe keine Handlungsnotwendigkeit und Aufklärungsbroschüren für Eltern und Bürger gerieren sich als völlig unkritische Werbeflyer der Spiele-, Lernsoftware- und Hardwarendustrie. Nicht dass ich noch Großes von unseren Politikern erwarten würde, aber das hat sogar mir noch die Schuhe ausgezogen. Es ist tatsächlich ein Skandal, wie Spitzer des öfteren moniert. Und zwar ein ausgewachsener, der unser gesamtes politisches System aufs Schärfste in Frage stellt, denn die tumbe Befürwortung der angeblichen digitalen Bildungsrevolution und Anbiederung an die Lobbyisten (müsste es nicht umgekehrt sein?) wird quer durch alle politischen Lager betrieben. Genauso übrigens wie das unsägliche Wachstumsparadigma, dass ebenfalls alle Parteien fast durchgehend einstimmig stets aufs neue intonieren.

Manfred Spitzer bei 3Sat: Macht uns der Computer dumm?

Kritisch anzumerken ist zweierlei: Im Abschnitt “Oberflächlichkeit statt Hermeneutik”, in dem Spitzer die angeblichen Vorteile der jungen nach 1980 Geborenen beim Umgang mit Informationen auseinandernimmt, verteilt er gleichzeitig einen Hieb gegen die Möglichkeiten kollektiver Intelligenz. Die dazugehörigen Technologien könnten zwar am Markt erfolgreich sein, würden aber “keineswegs zum persönlichen Bildungsfortschritt des sich bildenden Individuums beitragen”. Sicher, Ich sehe auch nicht, wie Entscheidungsmärkte oder Open Innovation Plattformen die individuelle Bildung befeuern. Dass allerdings “Großartige geistige Leistungen … in einem Gehirn” entstehen und den Austausch mit anderen voraussetzen würden, ist in diesem Zusammenhang bloße Meinung. Spitzer vergisst hier seine eigene Tugend der wissenschaftlich und empirisch fundierten Position. Denn ansonsten würde er wissen, dass eben erstens verschiedene Studien und zweitens die lebendige Praxis gezeigt hat, dass viele Menschen sehr wohl Probleme lösen, die einzelne oder Expertengruppen nicht in den Griff bekommen haben. Eine der dafür nötigen Bedingungen ist die Unabhängigkeit der Meinungsbildung – also dass eben keine Beeinflussung durch andere gegeben ist. Außerdem widerspricht er sich selbst: Im Dankeswort schreibt er: “Je mehr Gehirne ein Text vor dem Druck durchlaufen hat, desto leichter kann er nachher von den Gehirnen der Leser aufgesogen und verdaut werden.” Erklären kann ich mir dies einzig durch ein sehr spezielles und eingegrenztes Verständnis von Schwarmintelligenz, dass mir eher assoziativ als systematisch erscheint (vgl. →”Die Weisheit der Vielen“, “Kollektive Intelligenz“).
In engem Zusammenhang damit steht die Behauptung, dass wir “zur Lösung unserer Probleme … Experten (brauchen).” Sicher, die brauchen wir auch. Keine Frage. Indes sieht Spitzer die Expertenwelt deutlich zu rosig. Kein Wort über das Problem der Erfahrungsfalle, die Experten schneller trifft als Anfänger oder Laien, denn sie haben ja schon mindestens die bekannten 10.000 Stunden in einem Fach gearbeitet, um als Experten gelten zu dürfen. Sie haben daher ein erhöhtes Risiko, thematische Scheuklappen zu tragen. Gerade aus der Medzingeschichte gibt es da ja so manches Beispiel wie die krude Entdeckungsgeschichte von Heliobacter Pylori als Ursache von Magenschleimhautentzündungen und Magengeschwüren durch Nicht-Experten der Magen-Darm-Heilkunde. Die beiden Entdecker waren je ein Pathologe und ein Arzt der inneren Medizin. Aber kein Gastroenterologe (diesen Fall, das Problem der Expertokratie und das Prinzip des Anfängergeistes habe ich ausführlich in meinem letzten Buch “Feel it!” dargestellt).

Fazit: Ein Buch insbesondere für all diejenigen die selbst viel mit digitalen Medien, der Generation Y (“Digital Natives”) und/oder der Generation Google zu tun haben. Letzten Endes ist es aber auch ein Buch für alle, die Computer, Tablets, Smartphones, Fernseher, Spielkonsolen und dergleichen mehr besitzen oder nutzen. Denn dieses Buch bietet wichtige Informationen für all diese Menschen, also die meisten von uns. Wer der intellektuellen, emotionalen und seelischen Verblödung nicht Vorschub leisten will, sollte mit digitalen Medien und Geräten achtsam umgehen.

Herzliche Grüße
Andreas Zeuch

Spitzer, M. (2012): Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. Hardcover, 368 Seiten. 19,99 €
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