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Rettet die Wall Street

Liebe Leserinnen und Leser!

Das ist mal ein Titel, der mich hinterm Ofen hervorlockt. Ein Titel, der mich wirklich provoziert. Nichts liegt mir ferner als die Vorstellung, dass wir die Zocker brauchen. Die gehören für mich eher kollektiv entlassen und teilweise hinter Gitter. Gierhälse und Kriminelle wie Bernard L. Madoff fallen mir da ein, immerhin zu 150 Jahren Haft verurteilt. Und diese Zocker sollen wir brauchen? Wobei ich davon ausging, dass mit dem “wir” die meisten von uns gemeint sind, keine selbsternannte Finanzelite, keine Alt- und Neureichen, die zu dem immer reicher werdenden “one percent” gehören. “Wir” in diesem Sinne sollen also die Zocker brauchen und deshalb die Wall Street retten – mal sehen.

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Jens Korte hat sich als Volkswirt und Journalist in den letzten 15 Jahren einen tiefgehenden Einblick in die Wall Street erarbeitet. 1999 betrat er erstmalig die New York Stock Exchange, die bis heute größte Aktienbörse der Welt. Seit dem hat er dort und in anderen (Aktien-)Börsen in den folgenden Jahren bis heute viel erlebt, recherchiert und für all diejenigen, die dort nicht täglich ein und ausgehen, verständlich und sehr gut lesbar aufbereitet. Das Buch ist seine persönliche, gut dokumentierte “Forschungsreise zu den Zockern”. Das ist definitiv eine stattliche Leistung, die schon an sich einen Wert hat.

Im ersten Kapitel verschafft Korte erst mal einen Eindruck über das Flair, dass auf dem Parkett und darüber hinaus an der NYSE herrscht. Es ist ein eigener Mikrokosmos, eine ganz eigene Welt mit eigener Kultur und eigenen Gesetzen: Das Parkett aus Pinienholz, die unterschiedlichen Jackenfarben für die verschiedenen Brokerhäuser, die Kleiderordnung, das Frühstück im Luncheon Club im achten Stock, der Friseur Gerardo Gentilella, der 43 Jahren dort frisierte oder die Familienclans, die schon seit Generationen dort arbeiten. Das ist dann doch ein anderes Bild, als die kurzen Ausschnitte, die die meisten von uns aus dem Fernsehen oder dem Kultfilm “Wall Street” kennen.

Im zweiten Kapitel “Das Rückrat der USA – Warum die Börse wichtig ist” führt Korte die LeserInnen in die Vergangenheit und damit die Entstehung der NYSE. Immerhin hätten die USA es dieser Börse zu verdanken, dass sie innerhalb von hundert Jahren zur größten Wirtschaftsnation der Welt aufstiegen, und das als relativ junge Nation. Hier schleicht sich so ganz nebenbei allerdings eine grundsätzliche Frage ein, die auf den noch folgenden rund 200 Seiten nie beantwortet wird: Ist ein derart schnelles Wachstum auf längere und umfassendere Sicht für die Gesellschaft insgesamt überhaupt nützlich? Und warum schaffen es all die Unternehmen, die nicht börsennotiert sind – was ja immerhin das Gros der Unternehmen weltweit ausmacht – sich zu finanzieren und zu wachsen? Statt dessen geht es mit einer Tour de Force durch die Abgründe menschlicher Gier weiter:

Was mir damit noch viel klarer wurde als ohnehin zuvor: Ein guter Teil des Aktienmarktes und vor allem der von der Realwirtschaft entkoppelte Teil der Finanzindustrie, erfüllt alle Bedingungen kranken Wirtschaftens; auf Kosten der Gemeinschaft schaufeln sich die wenigen des “one Percent” ihre Konten voll. Ein Leben reduziert auf die Maximierung von Gewinn. Ein Leben reduziert auf einige wenige leicht digitalisierbare monetäre Werte. Kurz: Ein Leben reduziert auf Geld. Das goldene Kalb, um das viele tanzen und damit eine menschenverachtende Einkommensschere weiter auseinander treiben. Korte reiht Beispiel an Beispiel, eine dunkle Perlenkette an Gier und Menschenverachtung. Der Gipfel sind wohl die aktuellen Dark Pools, in denen Aktien- und Finanzgeschäfte jenseits der Öffentlichkeit von nur wenigen erlauchten Institutionen am Rest der Welt vorbei getätigt werden. Natürlich völlig umreguliert. Leicht zu lesen, schwer auszuhalten. Und doch wertvoll.

In einem kurzen Interview bei einem seiner Kunden, n-tv, erklärt Korte knapp und präzise, was er für das wesentliche Problem unserer Zeit hält und was seinem Buch zugrunde liegt: Die Verteilung finanzieller Mittel. “Die Schere von Arm und Reich geht immer weiter auseinander.” Da kann ich mitgehen, denke an Wilkinsons und Picketts “Gleichheit ist Glück“. Die Grundidee der Börse sei eigentlich eine demokratische: Wir selbst können unser Geld in die Hand nehmen und investieren, wo wir es für sinnvoll halten. Wir selbst sollten uns vor allem zukünftig selber verantwortlicher zeigen, selber endlich damit beginnen, Aktien und Börsen nicht einfach als Teufelszeug abzulehnen, sondern uns kritisch damit zu befassen. Er zieht den Vergleich zu einer gestiegenen Sensibilität und Differenzierung hinsichtlich unserer Ernährung. Uns interessiert, wo und wie die Eier, die wir essen, produziert werden, aber wir lehnen entsetzt ab, wenn wir uns mit Aktien und deren Märkten befassen sollen.

Allerdings zeigt Korte am Ende selbst Alternativen, die doch eher ein Argument gegen die Rettung der Wall Street sind. Da wäre zum Beispiel das Crowdfunding, wie wir es aus immer mehr aktuellen Unternehmensgründungen kennen. Hier kann jeder mit geringem Aufwand und teils hoher Sicherheit gerade auch in kleine Firmen investieren, in die er oder sie Vertrauen hat und deren (zukünftige) Produkte oder Dienstleistungen sinnvoll und vielleicht gemeinnützig erscheinen. Keine Frage: Crowdfunding ist bei allem Boom im Vergleich zu den Börsen noch ein sehr zartes Pflänzchen, dass auch formal rechtlich noch diverse Stolpersteine mit sich bringt. Aber es ist ein  Ansatz. Andere Lösungen könnten in Kooperativen und Genossenschaftsbanken liegen – die alleine in den USA zur Zeit rund 130 Millionen Mitglieder haben. Oder Peer-to-Peer Geschäfte, bei denen die Bank als Mittelsmann einfach ausgeschaltet wird und sich Menschen über die Online-Plattformen gegenseitig Geld leihen. Der Buchtitel scheint mir somit nicht ganz treffend. Der Rest des Buches hingegen ist ein guter Schritt in Richtung einer menschlicheren, gerechteren und demokratischeren Wirtschaft.

Fazit: Wir alle sind von den Finanzmärkten betroffen. Ein tieferes Verständnis ist da hilfreich. Wir brauchen in der Wirtschaft mündige Bürger. Aber keine Zocker!

Herzliche Grüße

Andreas Zeuch

 

Korte, J. (2014): Rettet die Wall Street! Warum wir die Zocker brauchen. Orell Füssli Verlag. Hardcover, 224 Seiten. € 19,95

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  1. […] ich mir das Buch von Jens Korte bestellt, gelesen, für durchaus wertvoll erachtet und in meinem Rezensionsblog heute empfohlen. Denn Korte sieht eine Grundproblematik unserer Zeit, die durch und durch mit den […]

  2. […] ich mir das Buch von Jens Korte bestellt, gelesen, für durchaus wertvoll erachtet und in meinem Rezensionsblog heute empfohlen. Denn Korte sieht eine Grundproblematik unserer Zeit, die durch und durch mit den […]

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