Ford - Mein Leben

Mein Leben, mein Werk

Liebe Leserinnen und Leser!

Und wieder einmal habe ich mich gewaltig getäuscht. Habe ein weltrekordverdächtiges Vor-Urteil entwickelt. Einfach, weil ich ein Urteil ohne Kenntnis des Kontextes gefällt hatte. Hie und da hatte ich immer wieder mal ein paar Zitate von Henry Ford aufgeschnappt. In Summe entstand ein Bild von einem Unternehmer, dass mir ganz und gar nicht zusagte. Dann las ich Corporation 2020 von Pavan Sukhdev und fiel fast vom Hocker. Denn Sukhdev zitierte Ford, woraus hervorging, dass er sein Unternehmen eben nicht als Geldmaschine verstanden wissen wollte, sondern den Sinn und Zweck auch im Gemeinwohl sah. Immerhin verlor er in diesem Zusammenhang einen Gerichtsprozess. Die anschließende Stellungnahme des Gerichts hatte bis heute Auswirkungen: Die Gewinnmaximierung als einziges Ziel eines Unternehmens, das nur zum Zwecke der Bereicherung der Aktionäre gegründet wird. Ford war Lichtjahre von dieser Haltung entfernt. Er war einer der wirklich wenigen Visionäre. Steve Jobs ist ein Witz dagegen.

Ford - Mein Leben

In den ersten vier Kapiteln beginnen wie eine normale Biografie. Ford berichtet von seiner Herkunft auf dem Land und wie ihn das Farmerleben dazu antrieb, “neue und bessere Transportmittel zu erfinden”. Sein wichtigstes Erlebnis hatte er mit 12, als er auf eine “Lokomobile” traf. Es war das erste, nicht von Pferden gezogene Fahrzeug, mit einem Kessel, einem Wasserbehälter und einem Kohlenkarren. Dieses für uns eher skurril anmutende Gefährt war “daran schuld, dass (er) in die Automobiltechnik hineingeriet.” Ford versuchte fortan, Modelle herzustellen und arbeitete sich so allmählich in die Konstruktion von Automobilen ein.

Das erste Aha-Erlebnis hatte ich im fünften Kapitel, als ich auf das stieß, was ich selbst im Zusammenhang mit Unternehmen und Organisation “Anfängergeist” nenne. Ford schrieb klipp und klar, dass es bei ihnen in der Fabrik keine “Experten” gäbe. Es wurden sogar alle entlassen, die sich einbildeten, Experten zu sein. Denn “hat man sich jedoch dem “Experten-“glauben hingegeben so gibt es manches, was undurchführbar erscheint.” Das ist exakt das, was ich in Anlehnung an einen Begriff unseres ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog als “Expertokratie” bezeichne. Die Arroganz der Experten, es besser zu wissen, überhaupt am allermeisten zu wissen und in Besitz des einzig richtigen und relevanten Wissens hinsichtlich einer Problemlösung oder neuen Aufgabe zu sein.

Aber das war nur der moderate Einstieg in Einsichten und Gedanken, die es durch und durch in sich tragen. Da wäre zum Beispiel Fords Reflexion und Umgang mit der Bürokratisierung von Unternehmen, die er “Verzopfung” nennt. Er beschreibt die klassischen, teils haarsträubenden Organigramme “nach Art der Familienstammbäume”, die nur dazu führen, dass Kommunikation und Entscheidungen durch die langen Wege unnötig in die Länge gezogen werden, so dass das, worum es ging, “bereits der Geschichte” angehört. Und jetzt geht es Schlag auf Schlag weiter, mit Ansichten und Einsichten eines Unternehmers, die selbst heute noch modern und teils visionär wären:

  • Ein Unternehmen ist keine Maschine, sondern eine “Arbeitsgemeinschaft von Menschen”
  • Keine Titel und keine Amtsbefugnisse bei den Mitarbeitern und Führungskräften (“schafft die Titel ab!”)
  • Die Vergangenheit von Bewerbern spielt für die Einstellung keine Rolle (auch nicht, wenn es sich um Ex-Gefangene handelt)
  • “Anständigkeit und Rentabilität sind eng miteinander verknüpft”
  • Kontinuierliche Verbesserungsprozesse (“Leute probieren häufig kleine Erfindungen an unseren Maschinen aus…”)
  • Kreativität über Trivialität (“Wir haben schöpferische Begabung allzu sehr eingeengt und zu trivialen Zwecken missbraucht”)
  • Inklusion körperlich Benachteiligter
  • Saubere, helle Fabrikgebäude
  • Faire, überdurchschnittliche Löhne
  • Partnerschaftlicher Umgang zwischen (Top-)Management und Mitarbeitern
  • Gewinnbeteiligung
  • Nachhaltige Produktion (z.B. durch örtliche Wasserkraft statt ferngelieferter Kohle, Abfallweiterverwertung)
  • Geld als Mittel zum Zweck statt als Selbstzweck (“Produzieren darf nicht mit Spekulieren verwechselt werden.”)
  • Kopf schlägt Kapital (so wie das gleichnamige Buch von Günter Faltin)
  • Gemeinnützigkeit (Gewinne gehören dem Unternehmen, den Arbeitern und der Allgemeinheit)

So könnte ich jetzt noch einiges mehr aufzählen. Statt dessen lohnt es, sich auch die Titel einiger Kapitel auf der Zunge zergehen zu lassen: Maschinen und Menschen, Der Terror der Maschine, Löhne, Geld – Herr oder Knecht?, Warum arm sein? oder Demokratie und Industrie. Aus heutiger Sicht gibt es nicht allzuviel, in dem sich Ford gründlich getäuscht hat, wie beispielsweise der zunehmenden Masse der Armen auch durch die sich weiter spreizende Einkommens- und Vermögensschere. Oder sein unbedingter Glaube an den Segen des Wachstums. Allerdings würde ich vermuten, dass Ford heute darüber anders denken würde.

Fazit: Eine Achterbahnfahrt durch die Gedanken- und Erfahrungswelt eines unternehmerischen Genies. Für alle, die anders wirtschaften wollen.

Herzliche Grüße

Andreas Zeuch

 

Ford, H. (1926/2012): Mein Leben, mein Werk. AMRA Verlag. Hardcover, 256 Seiten. € 19,95

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