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Management Y

Liebe Leserinnen und Leser!

Ich lernte Ulf Brandes beim diesjährigen PM Camp 2014 in Berlin kennen. Wir kamen dort ins Gespräch und stellten schnell viele Gemeinsamkeiten fest bis hin zu der Ansicht, dass in unserer Wirtschaft einiges falsch läuft; dass wir Unternehmen immer noch mit Methoden und Konzepten aus dem frühen 20. Jahrhundert steuern; dass immer noch ein zersetzendes Menschenbild Gang und Gäbe ist; dass der meistenteils ausgewiesene Unternehmenszweck völlig eindimensional ist. Und so weiter und so fort. Damals erzählte Ulf, dass er mit seinem Buch im Endspurt ist. Jetzt hat er vor kurzem gemeinsam mit seinen MitautorInnen die Ziellinie erreicht.

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“Management Y” ist ein doppeldeutiger Titel: Zum Einen beziehen sich Ulf und sein Team auf das mittlerweile recht bekannte Konzept Douglas McGregors zum Menschenbild in der Arbeitswelt. Da ist der Mensch vom Typ X, kurz gesagt: Faul, dumm und eigennutzenmaximierend, also beinahe die Reinform des ökonomischen Wunsch- und Phantasiebildes vom Homo oeconomicus. Das, so McGregor, ist das typische, für die Arbeit grundlegende Menschenbild. Daraus leiten sich dann geradezu zwangsläufig die entsprechenden formal-hierarchischen Strukturen mit command-and-control Kulturen sowie die typischen finanziellen Anreizsysteme ab. Demgegenüber sieht McGregor jedoch noch das Menschenbild Typ Y: Fleißig, leistungswillig, intelligent, engagiert und gemeinwohlorientiert. Die zweite Assoziation liegt, es dürfte kaum zu übersehen sein, in der immer wieder diskutierten Generation Y, die – angeblich – soviel anders tickt als die Generation X, zu der auch ich selbst gehöre. Beides, der Mensch Typ Y und die Generation Y brauchen eine neue Form der Unternehmensführung und -gestaltung: Management Y.

Das Autorenteam eröffnet das Buch mit der Forderung nach “Mehr Menschlichkeit im Management!”. Schon nach zwei Seiten prangt auf der nächsten Seite eine zentrale Botschaft in weißer Schrift auf orangenem Grund, einer so gänzlich unwirtschaftlichen Farbe: “Der wahre Erfolgsfaktor im 21. Jahrhundert: Menschliche Reife an den Schlüsselpositionen der Organisation.” Da geht es weder um fachliche Expertise noch um Führungskompetenzen der herkömmlichen Art. Nein, es geht ums Menschsein, eingebunden in einer menschlichen Arbeitswelt. Wie vom Titel zu erwarten war, finden sich im weiteren Verlauf dann die entsprechenden Argumente und Hinweise auf die Generation Y und McGregors Untersuchung zum Menschenbild. Wobei Brandes und KollegInnen glücklicherweise nicht den Fehler begehen, alleine auf die Generation Y abzuzielen. Vielmehr stellen sie klar, dass die Sehnsucht nach Sinn und echter Gemeinschaft in der Arbeit ein grundsätzlich menschliches Bedürfnis ist. Ebenso, wie wir alle nun mal auch intrinsisch motiviert sind.

Höchst fraglich ist für mich allerdings, ob “Medienplatzhirsche wie Apple oder Google” tatsächlich die “Vorreiter der neuen Unternehmenskultur” sind. Google jedenfalls unternimmt zielstrebige Schritte in Richtung Management X: So wurde beispielsweise vor nicht allzulanger Zeit die 70-20-10 Regel abgeschafft, die immer wieder als Beispiel für große Freiheit bei der Selbstorganisastion der Arbeit diente (auch ich hatte darauf in “Feel it!” verwiesen). Insgesamt würde ich bei derartigen Unternehmen eher eine zunehmend zweckrationale Kultur erwarten. Apple jedenfalls und auch Google sind längst nicht mehr innovativ. Sie sind gefangen im →”Innovator’s Dilemma” und versuchen es durch permanente Zukäufe kleiner, junger, frischer und eben noch innovativer Unternehmen und Start-ups zu lösen. Das beste Beispiel für Innovationsarmut ist das aktuelle iPhone 6 – und das schreib ich als Apple User.

Aber sei’s drum. Dafür haben mich die AutorInnen wenig später wirklich überrascht. Im Abschnitt “Sinn: Wofür engagieren wir uns wirklich” geht es nicht nur um die Frage “Warum tun wir eigentlich, was wir hier tun?”. Selbst das zu reflektieren, ist schon für die meisten Unternehmen harter Tobak. Aber Ulf und seine KollegInnen gehen da noch deutlich weiter: “Auf wessen Kosten geht das, was wir hier tun? Ist das wirklich in Ordnung?” Hey, da hauen mal ein paar Leute einen echten Pflock in den Grund des Wirtschaftens! Da werden all die Sauereien thematisiert, die die großen Marken gerne so gut wie möglich verschleiern (eben auch Apple, genauso wie Samsung und wie sie alle heißen, die von Foxconn produzieren lassen). Und weiter geht’s mit dem herzerfrischenden Hinweis auf Bayerns Verfassung: “Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl” In Bayern! Die gesamte! Alles! … Wie radikal! Dieser Satz beschreibt kein friedliches Nebeneinander von Arbeit und Sinn, sondern eine klare Unterordnung.” (S. 28) Tja, da frage ich mich nur, warum in Bayern nicht längst ein paar interessante Verfassungsklagen eingereicht wurden…

Im zweiten Teil, “Was Unternehmen heute ändern” entfaltet sich langsam das gesamt Bild vom Management Y: Dazu gehören die vier großen Bereiche Kunden wirklich zu verstehen, Liefern was gebraucht wird, Organisation gemeinsam beleben und Menschen ehrlich begeistern.  Diesen Bereichen sind verschiedene Methoden und Verfahren zugeordnet, wie Design Thinking, um Kunden wirklich zu verstehen. Agile Methoden wie Scrum oder Kanban, um liefern zu können, was gebraucht wird, was wiederum entscheidungsermächtigte Entwicklerteams voraussetzt und damit die üblichen formalen Hierarchien in Frage stellt. Um die Organisation gemeinsam zu beleben braucht es Klarheit, welche Probleme ein Unternehmen löst, was es besser macht als andere und warum MitarbeiterInnen stolz darauf sein können, in ihrem Unternehmen zu arbeiten und welche Werte dort heilig sind. Mehr noch, es bedarf eines menschenfreundlichen Menschenbildes (Typ Y), der Potentialentfaltung zum Beispiel durch die Abschaffung persönlicher Boni und der Wertschätzung von Vielfalt. Last not least können Menschen nur dann ehrlich begeistert werden, wenn Authentizität, Transparenz und sogar Verletzlichkeit gelebt werden. Das wiederum geht nur, wenn vertraut und damit echte Teilhabe geschaffen wird.

Das alles ist gewissermaßen die Grundlage, auf der die AutorInnen im dritten Teil 24 Möglichkeiten präsentieren, “jetzt zu handeln”. Es ist eine Sammlung von Methoden, um das Management Y täglich zu verwirklichen. Es ist ein buntes Kaleidoskop für Unternehmen, die sich ernsthaft um Menschen herum entwickeln wollen: MitarbeiterInnen, Kunden, Zulieferer und alle anderen Stakeholder. Dort finden sich Methoden für so ziemlich alle möglichen Aufgaben und Herausforderungen. Aber diese Methoden sind kein Schlussstein, kein letztes Puzzlestück zu einem dann endlich fertigen Bild. Im letzten Teil “Gemeinsam in Bewegung bleiben” wird klar, dass es darum geht, “über dieses Buch hinaus den Wandel mit(zu)gestalten”. Es geht um mehr, als Unternehmen nur leistungsfähiger zu machen. Es geht letztlich auch um tiefe Fragen der Spiritualität und darum, Liebe ins Wirtschaften einzubringen. Dann, so stellen Ulf und seine MitautorInnen auf der letzten farbigen Doppelseite in großen Lettern fest, stehen wir “vor atemberaubenden Möglichkeiten, die als unlösbare Probleme verkleidet sind.”, wie der ehemalige US-Minister John W. Gardner treffend formulierte.

Fazit: Ein inspirierendes Buch, das ein weiterer hilfreicher Mosaikstein auf dem Weg zu einer menschlichen Wirtschaft ist.

 

Herzliche Grüße

Andreas Zeuch

 

Brandes, U. et al. (2014): Management Y. Agile, Scrum, Design Thinking & co. So gelingt der Wandel zur attraktiven und zukunftsfähigen Organisation. Campus. Gebunden, 240 Seiten. € 34,99

Management Y – Die Website zum Buch

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  1. […] seiner hervorragenden Bücherliste eine weitere Buchrezension zur Zukunft der Arbeit hinzugefügt. Ausführlich bespricht er die einzelnen Kapitel von “Management Y” und spart auch nicht mit kritschen Anmerkungen. Andreas Zeuchs Fazit: “Ein inspirierendes […]

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