Faltin+2008+-+Kopf

Kopf schlägt Kapital

Liebe Leserinnen und Leser!

Ja, schon wieder ein Gründerbuch. Günter Faltin bricht eine Lanze für mehr intelligentes Gründertum. Denn das hat neben dem möglichen Erfolg der neugegründeten Unternehmen auch wichtige Auswirkungen für die Gesamtwirtschaft. Wenn mehr Menschen ihr wirtschaftliches und berufliches Schicksal selbst in die Hände nehmen, führt dies zu mehr gelebter Eigenverantwortung. Womit wir einen Schritt auf dem Weg zu einer demokratischeren Wirtschaft vorankommen können. Neben dem großen Ganzen gibt es noch weitere wichtige Aspekte, warum ich mich entschieden habe, Faltins Buch hier zu empfehlen. Allerdings gab es eine Sichtweise, die mir derartige Bauchschmerzen bereitet hat, dass ich es beinahe gelassen hätte. Der findige Professor und erfolgreiche Unternehmer ist nämlich in einer Sache mächtig blind auf einem Auge, oder besser gesagt: Ist bis zum Anschlag gefangen in althergebrachten Denkmodellen…

Vorneweg meine Gründe, warum ich dieses Buch unbedingt empfehle:

  1. Demokratisierung: Wie schon im Teaser gesagt: Mehr gelebtes, erfolgreiches Entrepreneuership bedeutet zumindest schon mal für die Gründer mehr gelebte Eigenverantwortung. Mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Und dieses Buch hilft auf dem Weg zum Entrepreneur.
  2. Gesund wirtschaften: Faltin macht dem Mythos des 14 Stunden Unternehmertages den Garaus. Niemand muss sich totschuften und selbst ausbeuten. Was noch perfider ist, als vom Arbeitgeber ausgenutzt zu werden. Faltins Konzept macht Selbstausbeutung unwahrscheinlich.
  3. Sinnvoll wirtschaften: Immer wieder erinnert der Autor seine LeserInnen, dass das eigene Unternehmen unbedingt eine tiefe Verbindung mit den Gründern haben sollte. Arbeit macht mehr Freude und setzt mehr Energie frei, wenn sie sinngekoppelt erfolgt.
  4. Gemeinwohlwirtschaft: Faltin regt an, Produkte und Dienstleistungen im Sinne des Gemeinwohls besser zu machen, auch wenn er das nicht so nennt.
  5. Intuition: Mehrfach macht Faltin klar, dass es ein großes Maß an Intuition für die Gründung spätere Weiterentwicklung braucht. Wirtschaft kann nur menschlich sein, wenn Kopf, Herz UND Bauch zusammenarbeiten.
Günter Faltin lebt (mindestens) in zwei Welten: Als Professor leitet er den Arbeitsbereich Entrepreneurship an der FU Berlin und als Unternehmer hat er sich mit seiner 1985 gegründeten “Teekampagne” einen Namen gemacht. Er ist zweifelsfrei einer der wenigen deutschen Professoren, der nicht nur über Entrepreneurship redet, sondern auch selbst mit gutem Unternehmerbeispiel voran geht. Das macht ihn und seine Arbeit zweifelsfrei interessant.
Gründer brauchen kein Geld - oder zumindest wesentlich weniger, als angenommen. Vor allem brauchen sie Köpfchen. Das ist die zentrale Botschaft, wie der Buchtitel unschwer erkennen lässt. Laut Faltin besteht das größte Manko heutzutage nicht mehr in mangelndem Kapital, um eine Firma zu gründen. Was nicht heißen soll, wir alle wären Kinder reicher Eltern. Nein, heute lassen sich sehr viele Leistungen auf hohem Niveau einfach einkaufen, die früher im zu gründenden Unternehmen erst mal teuer und aufwändig aufgebaut werden mussten. Faltin spricht von “Komponenten” und macht sie am Beispiel seiner Teekampagne deutlich. Also: Geld sei nicht das Problem. Vielmehr hapere es an guten, wirklich durchdachten Konzepten. Der Kern eines neuen Unternehmens ist nicht einfach eine lapidare Idee, sondern ein über Wochen, Monate, manchmal sogar Jahre entwickeltes Gesamtkunstwerk. Und wenn das gut ist, besser noch: herausragend, dann habe man und frau gute Chancen, das Unternehmensbaby über die ersten Kinderkrankheiten hinweg erfolgreich aufzuziehen (Achtung: Diese Metapher habe ich mit Bedacht gewählt, dazu unten mehr). Um das zu unterstützen, bietet Faltin seinen Leserinnen und Lesern eine schlüssige und hilfreiche Methodik, um das eigene Konzept zu entwickeln. Tipp: Die Kurzform mit Übungsmaterial findet sich auch als Online-Trainingskurs in der Gründer-Garage.
Dieser Ansatz ist ein spannender Gegenpol zum Konzept des →”Lean-Startup“. Denn Eric Ries schlägt einen viel iterativeren, kurzschleifigeren Weg vor: Das Produkt, mit dem ja auch das Geschäftsmodell verknüpft ist, soll möglichst schnell und einfach auf den Markt gebracht werden. Und dann im konkreten Kontakt mit echten Kunden schnell weiterentwickelt werden. Was natürlich auch seinen Charme hat. Und sicherlich oft ein äußerst sinnvolles Vorgehen ist. Denn wie soll Qualität beim Produkt oder der Dienstleistung erreicht werden, wenn man gar nicht weiß, was dem Kunden eigentlich wichtig ist?
Außer dieser frohen Botschaft trifft Faltin zwei wichtige Unterscheidungen: Erfindungen sind nicht Innovationen (und umgekehrt) und Entrepreneurship ist nicht Business Administration – ich würde lieber sagen: Management. Ja, zweifelsfrei, Recht hat er. Niemand muss Daniel Düsentrieb sein und technische Erfindungen der staunenden Welt präsentieren. Zumal ja mittlerweile ohnehin über 70% der Bruttowertschöpfung durch Dienstleistungen in Deutschland erfolgt. Tendenz steigend. Interessanter ist schon die Aussage, dass sich niemand, aber auch wirklich NIEMAND durch Gründungsberater von seiner Gründungsidee abbringen lassen soll, weil er/sie nicht über diplomreifes betriebswirtschaftliches Wissen verfügt. Ja genau, Ihr ahnt es: Auch dieses Wissen kann man einkaufen. Und das, was wirklich wichtig ist, lässt sich auch mit dem gesunden Menschenverstand fassen. Zum Beispiel: Auf Dauer müssen die Einnahmen größer sein als die Ausgaben. Und wer noch etwas progressiver vorgehen will – was witzigerweise damit ein Paradox ist, denn es ist eigentlich eine urkonservative Tugend – sollte möglichst nur eigenkapitalbasiert investieren. Denn eine im traditionellen Sinne konservative Finanzpolitik war einer der gemeinsamen Nenner langjähriger Unternehmen, die Arie de Geus in seiner Shell-Studie identifizieren konnte (→”Jenseits der Ökonomie“). Wer keine Zinsen zahlen muss, ist nicht gezwungen zu wachsen!
Günter Faltin in 50 Sekunden über sein Buch

Und was hat mir nun die eingangs erwähnten Bauchschmerzen bereitet? Nun, durch die Hintertür schleicht sich doch wieder ein heroisches Gründerbild ein: Im Kapitel 5.1 “Der Unternehmer als Alleskönner – Warum wir diesen Zopf abschneiden müssen” kommt es gegen Ende zu einer etwas befremdlichen Auflistung der erforderlichen Gründerkompetenzen: “Gründer müssen neue Trends und Veränderungen im Markt rechtzeitig erkennen, ihr unternehmerisches Konzept immer wieder auch neuen Marktbedingungen anpassen. Sie müssen ihre Ideen den eigenen Mitarbeitern plausibel machen und sie damit begeistern können. Sie müssen ihr Unternehmen führen.” (Kursiv original). Aha. Also doch wieder der gute Patriarch, der “Richtungsentscheidungen vorbereiten und treffen” muss und letztlich die “Instanz für alle grundsätzlichen Entscheidungen” ist. Nonsens. Viel effektiver ist es, die Mitarbeiter in ausnahmslos alle genannten Aufgaben miteinzubeziehen, dann muss man ihnen auch nicht mehr die eigenen Ideen “plausibel machen” und sie am Ende noch “begeistern” (Oh, Graus!). Gerade wenn es um komplexe Fragen geht, ist die →”Weisheit der Vielen” ein deutlich intelligenterer und Erfolg versprechender Weg, als die eierlegende Gründerwollmilchsau (siehe auch →  “Schwarmintelligenz in Unternehmen“und “Erfolg ohne Chef“).
Mit dieser Vorstellung des Entrepreneurs und seiner/ihrer Aufgaben wird Faltin seinem eigenen Anspruch des radikalen Neudenkens, des disruptiven Perspektivenwechsels selbst nicht mehr gerecht. Hier bricht sich ein derart altes Bild Bahn, dass ich nur noch entgeistert auf die Zeilen glotzte und nach einer Auflösung dieses schlechten Witzes suchte. Gerade mit seinem Komponentenmodell wäre es äußerst interessant, sogar die B2B Partner in Marktbeobachtungen mit einzubeziehen. Genau das wird amüsanterweise sogar schon von längst bestehenden Unternehmen gemacht. Natürlich ist das noch die Ausnahme, aber sie könnte auf ein zukünftig alternatives Modell der Informationserzeugung, -sammlung und -auswertung verweisen.
Ein wesentlich kleinerer Kritikpunkt besteht in den eher handelslastigen Fallbeispielen. Wie die Teekampagne funktioniert, hat man schnell begriffen, wenn man nicht betriebswirtschaftlich vernagelt ist. Das dann andere Kampagnen mehr oder weniger ähnlich funktionieren, bringt keinen echten Mehrwert an Inspiration. Interessant wäre vielmehr gewesen, wie zum Beispiel die Softwareentwicklung der als Fallbeispiel vorgestellten “ebuero AG” realisiert wurde. Gab es da Gründungskapital? Von Investoren? Banken? Crowdfunding? Oder hatte der Gründer mit ein paar Kumpels den Prototypen der nötigen Software selbst entwickelt? Oder hatte er einfach familiär bedingt ein prall gefülltes Konto? Diese nicht unerheblichen Fragen bleiben unbeantwortet. Was angesichts der Tatsache, dass Software-Entwicklungen einen wichtigen Teil neuer Unternehmensgründungen ausmachen, etwas unbefriedigend bleibt.

Fazit: Jeder, der gründen will oder auch nur mit dem Gedanken spielt, sollte Faltins ermutigendes Buch lesen. Darüber hinaus scheint es mir auch für all diejenigen lesenswert, die mit ihrem jetzigen Angestelltendasein nicht glücklich sind, und sich fragen, wie ihr Leben anders aussehen könnte.

Herzliche Grüße
Andreas Zeuch

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Faltin, G. (2012): Kopf schlägt Kapital. Die ganz andere Art, ein Unternehmen zu gründen. dtv. Taschenbuch, 272 Seiten. 9,90 €

Gründer-Garage: Das Online-Training. Die wichtigsten Bausteine des Faltinschen Konzepts kostenfrei im Netz.

2 Antworten
  1. G.J. Gorter
    G.J. Gorter says:

    Ein interessantes Buch. Aber in den vielen sich ähnelnden Beispielen werden die Erfolgsprinzipien etwas ausführlich betont.
    Außerdem wird hauptsächlich ein Modell als Erfolgsfaktor für Startups hervorgehoben: der Verkauf von einfachen Produkte oder -leistungen über das Internet. Das Geschäftsmodell besteht dabei durch eine starke Arbeitsteilung eigentlich lediglich aus einer schlauen Organisation.
    Es gibt jedoch viel mehr Geschäftsbereiche in welchen mit anderen Geschäftsmodellen eine Unternehmensgründung erfolgreich werden kann.
    Auch wenn die Leitgedanken sicherlich richtig sind, lassen sich gute Geschäftsmodelle im B2B Segment nicht alle so deutlich reduzieren. Gerade in diesem Bereich steckt aber viel Potential und sollte nach meiner Meinung unbedingt mehr gegründet werden. Unser Industriestandort sollte nämlich wettbewerbsfähig bleiben, damit Konsumenten ihren Spaß an Consumer-Produkten auch in Zukunft bezahlen können.
    In der Industrie gilt es häufig komplexe Geschäftsprozesse zu verstehen, zu vereinfachen, zu standardisieren und zu unterstützen. Der Fokus liegt, nach der detaillierten Ausarbeitung einer Geschäftsidee, auf
    * Wie schafft ein Startup Unternehmen bei den potentiellen Industriekunden Vertrauen?
    * Wie wird – auch bei etwas komplexeren Produkten und Dienstleistungen – der Nutzen klar kommuniziert. Dieser Nutzen kann je nach Interessent unterschiedlich ausfallen (Kosten, Effizienz, Qualität, …)
    * Welche sind je Anwendungsfall die richtige Marketinginstrumente (Internet, Dialog, Partnerschaften, usw.)?
    * Preismodell?
    * Strategie der Produkteinführung – den Kunden an den Hand nehmen

    Diese Aspekte kommen, meiner Ansicht nach, etwas zu kurz.
    Einfache Produkte und Geschäftsmodelle können schnell kopiert werden. Das alleine kann also die Basis einer gesunden Wirtschaft nicht sein. Wir brauchen auch den Technologievorsprung, hochwertige Produktionsanlagen und hohe Qualitätsstandards um globalen Krisen gut zu überstehen.

    Mit vielen Grundaussagen bin ich einverstanden: z.B.
    * das BWL Studium ist keine Voraussetzung für eine erfolgreiche Gründung
    * Ideen und Lust an Geschäftsentwicklung sind die wahren Motive – Geld nur eine Belohnung
    * Business Pläne werden überbewertet

    G.J.Gorter
    Co-Gründer catkin – Seamless Collaboration, Gründer proLOGiT

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