Henning 2014 - Die Kunst...

Die Kunst der kleinen Lösung

Liebe Leserinnen und Leser!

Wieder einmal springe ich über meinen Schatten, meinen inneren Kritikaster. Klaus Hennings Buch hat mich einerseits sehr angesprochen, andererseits hat es Widerstand in mir ausgelöst. Von Anfang an hat mich die demütige, bescheidene Haltung des Autoren beeindruckt. Er steigt gekonnt mit einer passenden Geschichte ein, die gleich klar macht worum es geht. Das es die kleinen Dinge sind, die in einem komplexen System ausschlaggebend sind. Das es auf Details ankommt, ohne sich jedoch in diesen Details zu verlieren und das Ganze aus dem Blick zu verlieren. Die vielen konkreten Beispiele im Verlauf des Buches haben die Kunst der kleinen Lösung hervorragend illustriert. Andererseits machte sich der Eindruck breit, dass da wieder ein typisch systemisches Beratervorgehen vorliegt: Da werden auch große Konzerne beraten, die über formale Hierarchien verfügen und in denen Top-Down Prozesse überwiegen, die jeder systemischen Idee von Autopoiese und Selbstorganisation massiv widersprechen. Im Fokus steht nicht der Wandel hin zu einer menschlichen (Betriebs-)Wirtschaft, sondern gelungene Beratungsprozesse. Und doch empfehle ich das Buch. Denn die Kunst der kleinen Lösung ist auch und gerade für Veränderungen hin zu einer menschlichen Wirtschaft ein äußerst hilfreiches Prinzip.

Henning 2014 - Die Kunst...

Klaus Henning beginnt sein Buch mit einer Geschichte jenseits der eigentlichen Arbeit: Einer Bergbesteigung. Er ist an einem Spätsommertag mit zwei Geschäftspartnern unterwegs zu einer Hütte auf knapp 3000m gelegen. Einer der beiden Partner verzichtete auf Handschuhe, die brauche er nicht. Während des Aufstiegs kam es dann anders. Die Temperatur sank auf ein, zwei Grad und irgendwann war der Mann ohne Handschuhe am Ende. Er konnte und wollte einfach nicht weitergehen. Dachte, er hätte sich die Finger erfroren. Er war am Ende. Mit viel Mühe konnten die anderen beiden ihn zum Weitergehen bewegen, schleppten ihn mehr mit, als das er alleine ging. Es waren “nur” die fehlenden Handschuhe, eine Kleinigkeit, die den Aufstieg in Gefahr brachten. Henning legt dann noch gleich nach: Erzählt, dass er seit einem Erlebnis immer ein Stück Draht auf Wanderungen dabei hat. Denn einmal ist ihm ein Steigeisen gebrochen, aber sie mussten über vereiste Flächen zurück. Damals hatte er zufällig ein Stück Draht dabei und konnte damit das Steigeisen notdürftig flicken. Der Abstieg gelang, zwar mehr schlecht als recht, aber immerhin. Der Draht ist ein schönes Symbol für die kleine Lösung.

Nach diesem gelungenen metaphorischen Einstieg stellt sich Klaus Henning erst einmal selbst vor, ausführlich und tiefgehend. Was der Sache und dem Buch gerecht wird. Denn es macht klar, vor welchem Hintergrund, bedingt durch welche persönliche Geschichte Henning seine Sichtweisen entwickelt hat. Da schreibt einer, der – wie er selbst immer wieder betont – zwischen vielen Stühlen sitzt. Zwischen Ingenieurskunst und Politik, zwischen Maschinenbau und IT, zwischen katholischer und protestantischer Kirche, zwischen Wissenschaft und Religion. Das alles macht Henning durchweg sympathisch, natürlich auch die Tatsache, dass er als Kriegskind Deutschland in Trümmern und dann den Wiederaufbau miterlebte. Und wie er zu Beginn seiner Karriere als Professor an der RWTH Aachen einen heißen Tipp von Carl Friedrich von Weizsäcker bekam: “Wenn sie mit Ihrem interdisziplinären Ansatz nicht bereit sind zu scheitern, dann suchen Sie sich sofort einen neuen Job.” Und so wurde die Einsicht, dass auch Scheitern ein mögliches Ergebnis ist, zu einem wichtigen Begleiter. Und förderte einmal mehr die Demut vor der Komplexität. Die, so Henning, können wir immer nur meistern, niemals beherrschen. Wie wahr.

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Dann folgt die erste Beratergeschichte: Henning war mit seiner Firma von einem Uniklinikum beauftragt worden. Das Problem schien banal, aber es hatte das Zeug dazu, dass viel Geld für seine Lösung ausgegeben werden sollte. In dem Klinikum kam das Essen grundsätzlich kalt bei den Patienten an. Der Ärger stieg, es gab immer mehr Beschwerden, so konnte es nicht weitergehen. Die Klinikleitung war kurz davor, ein neues IT-System speziell für die Essenslogistik einzukaufen, Kosten € 300.000. Vorher beauftragten sie glücklicherweise Henning und sein Team. Die wollten – typisch systemisch – erst einmal verstehen, warum das so war. Und nicht gleich eine Lösung produzieren. Also beobachteten sie. Fanden aber noch nicht die Wurzel des Problems. Dann kam einer aus dem Team auf die Idee, in der Küche, als das Essen in die Transportwagen geladen wurde, dort einen Zettel aufzukleben: “Aus der Küche: 11:05. Das Essen ist 45 Minuten warm”. Dann wollten Sie nachforschen, wo die Ursache liegt.

Doch dann kam die Überraschung: Auf einmal kam das Essen auf wundersame Weise warm bei allen Patienten an. Das Problem war gelöst. Und zwar dauerhaft. Warum? Die Zettel weckten unbeabsichtigt die Eigeninitiative der unterschiedlichsten Akteure: In einer Abteilung wurde dem Chefarzt klar, dass die Visite mit der Essensausgabe kollidierte und er änderte die Visitenzeit. In der nächsten Station beförderte das Reinigungspersonal das Essen vom Aufzug weiter zu Station, sie konnten nicht mitansehen, wie das Essen wieder kalt wird. Auf der dritten Station kümmerten sich die Patienten selbst drum und achteten auf die Auslieferung. Und auf der vierten Station verlegte das Pflegepersonal die bis dahin übliche Mittagspause. Mit der Geschichte ist eigentlich bereits (fast) alles Nötige erzählt. Erstens braucht es nicht immer eine teure, aufwändige, möglichst perfekte Lösung, die ohnehin nur in den seltensten Fällen zum absolut gewünschten Ergebnis führt. Zweitens braucht es vor allem nicht zu erst eine technische Lösung (IT-System), sondern eine Fokussierung auf die beteiligten Menschen.

Und das ist dann auch eine der Kernbotschaften: Der HOT Ansatz der Beratung. First Human, second Organisation and third Technology. Das Wichtigste sind die Menschen, sie gilt es einzubinden, mit ihnen zu reden. Deren Fragen, Schwierigkeiten, Nöte zu erkennen. Aber auch deren Ideenschätze zu heben. Dann geht es um die Organisation, um deren Struktur und Kultur und wie sie für die Menschen geeignet angepasst werden kann. Erst dann, zu allerletzt kommt die Frage nach der passendsten Technologie. Eng verzahnt mit dem HOT Ansatz ist auch die bei Henning immer wieder angenehm klare Frage nach dem Warum? Warum arbeiten Sie hier? Was ist der Sinn Ihrer Arbeit? Wem würde es etwas bedeuten, wenn Sie hier nicht mehr arbeiten würden? Für mich nicht überzeugend ist indes die typische Idee, dass es eben darum gehen würde, Sinn zu stiften. So als ob ich Euch sagen könnte, was für Euch warum sinnvoll zu sein hat.

Eine ärgerliche Schwäche des Buches liegt im vollkommenen Fehlen eines Literatur- und Stichwortverzeichnisses. Wem dies geschuldet ist, bleibt natürlich offen. Es nervt mich jedoch jedes Mal. Ein paar Seiten mehr, die all die Leser, die das nicht interessiert, sicherlich nicht stören würden. Aber all jene glücklich macht, die gezielt nach einem Stichwort suchen (HOT Ansatz) oder tatsächlich Lust haben, einigen Literaturquellen nachzugehen oder den Lesetipps des Autors  folgen wollen. Das wundert mich umso mehr bei einem Autoren, der als Professor selbst 120 Doktoranden betreut und Regalmeter Literatur produziert hat.

Fazit: Ein Buch für alle Berater und Menschen, die mit organisationalen Veränderungsprozessen zu tun haben und die die Menschen dabei ins Zentrum stellen wollen.

Herzliche Grüße

Andreas Zeuch

Henning, K. (2014): Die Kunst der kleinen Lösung. Wie Menschen und Unternehmen die Komplexität meistern. Murmann. Hardcover mit Schutzumschlag, 254 Seiten. € 24,99

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