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Das Neue und seine Feinde

Liebe Leserinnen und Leser!

Wer einen Funken Kreativität in sich verspürt, neue Ideen hat und die dann auch noch in seinem Unternehmen realisieren will, weiß: Das ist nicht immer ganz einfach. Nett ausgedrückt. Man könnte auch sagen, es ist oftmals nahezu unmöglich. Zumindest dann, wenn man sich nicht ausgesucht geschickt anstellt und obendrein ein weit überdurchschnittliches Durchhaltevermögen, diplomatisches Geschick, Frustrationstoleranz und Geduld mitbringt. Ja verdammt, nur woran genau liegt es eigentlich, dass das Neue, was wir alle irgendwann doch als Standard und oftmals nützlich nicht mehr missen wollen, das das anfänglich so vehement abgelehnt wird? Und vor allem: Was kann man dagegen tun? Oder besser gesagt: Wie können Innovatoren ihre Ideen erfolgreich besonders innerhalb etablierter Unternehmen umsetzen?

Gunter Dueck verfügt über ein gerütteltes Maß an eigener Erfahrung und ist selbst sicherlich so manches Mal der Verzweiflung nahe gewesen, wenn seine Ideen nicht sogleich begeistert umgesetzt wurden. Zuerst arbeitete er fünf Jahre als Mathematikprofessor in Bielefeld und wurde später im Laufe seiner 24 Jahre währenden Karriere bei der IBM Deutschland deren Cheftechnologe. Gerade in dieser fast ein Viertel Jahrhundert währenden Zeit entstanden genügend Innovationsgeschichten, mit denen Dueck angemessen ausführlich und meist humorvoll seine Analysen und Lösungsvorschläge illustriert. Sein großes Pfund was er damit auf die Waage wuchten kann: Glaubwürdigkeit.

Das Buch gliedert sich in drei Teile: Kraftakt für das Neue, Spezielle Innovationshindernisse und Innovation unter Gestaltungskraft. Aus meiner bescheidenen Sicht sind es aber eigentlich zwei, denn letztlich geht es zuerst um eine faszinierend präzise und ausführliche Analyse, warum es das Neue so schwer hat, gefolgt von den Ratschlägen, wie diese Probleme von den InnovatorInnen gelöst werden können. Dabei überzeugt die Analyse derart, dass man und frau Gefahr laufen, jegliche Lust an der Innovation in bestehenden, häufig großen Unternehmen zu verlieren. Zumindest ging es mir so – ich wusste anschließend einmal mehr, warum ich nicht in einem großen Unternehmen oder einer großen Organisation arbeite. Die organisations- wie individualpsychologischen Ursachen sprechen vor allem dafür, zwanghaft bestehende, effizienzerprobte Prozesse täglich neu zu inszenieren und weiter zu zementieren. Alles was da abweicht, gehört zur Achse des Bösen. Das kann ich aus meiner beraterischen Außenperspektive durchaus bestätigen. Insbesondere dann, wenn ein Projekt oder ein Change die Reflexion und Veränderung des Topmanagements einschließt – anstatt wie üblich den permanenten Wandel auf bigotte Weise nur von den Mitarbeitern einzufordern. Aber das ist eine andere Geschichte…

Gunter Dueck, Foto © Kathrin Zachert

Dueck bereichert die organisationspsychologische und systemische Ursachenforschung um die individualpsychologische Perspektive. Das ist eines der großen Verdienste dieses Buches. Und selbst die individuelle Perspektive ist multiperspektivisch: Dueck spricht erstens von den Protagonisten, den Open-Minds, Closed-Minds und Antagonisten des Neuen. Zweitens unterscheidet er in Anlehnung an das psychologische Standardwerk Fritz Riemans “Grundformen der Angst” zwanghafte und hysterische Typen, wobei Erstere für die Einhaltung und Bewahrung des Bestehenden kämpfen, während Letztere den (ständigen) Wandel suchen, immer auf der Suche nach Neuem. Drittens sind da die Alpha-Tiere (Leitwölfe), Betas (Berater oder “Wesire neben dem Kalifen”), Gammas, “die die arbeitsame Masse darstellen” und schließlich die Business-Punks, die Omegas, “die das revolutionäre Gegenelement bilden”. Innerhalb dieser verschiedenen, bereits bunt schillernden Gruppen gibt es dann noch eher rational, intuitiv und instinktiv getriggerte Menschen. So finden wir bei näherem Hinsehen einen individualpsychologischen Reigen, der den Widerstand gegen das Neue aus der Sicht persönlicher Präferenzen, Charaktereigenschaften, Fähigkeiten und Werte entweder bekämpft, befürwortet oder dem neutral gegenübersteht. Diese Sicht ist eine nicht zu unterschätzende Ergänzung der systemischen Analyse von Clayton Christensen in dessen Standardwerk “The Innovator’s Dilemma“.

Die Lösung der Großproblemlage sieht Dueck vor allem auf der individuellen Ebene: Wer in einem längst etablierten Unternehmen etwas Neues in die Welt bringen will, sollte tunlichst vermeiden, Änderungen bestehender Prozesse und Werte oder zumindest Ausnahmen für das eigenen Projekt einzufordern. Vielmehr sollten die InnovatorInnen dafür sorgen, dass sie einerseits einen guten und möglichst stabilen Stand erreichen, indem sie für Ihre bisherigen systemkonformen Leistungen geachtet werden, dass man ihnen vertrauen kann, dass sie als loyale, arbeitsame und leistungsfähige MitarbeiterInnen dem Management bekannt sind. Gleichzeitig sollen sie das Neue möglichst lange unsichtbar entwickeln, sich ein (Prä-)Innovationsnetzwerk aufbauen, auf das sie jederzeit zurückgreifen können, um dann, wenn die Zeit gekommen ist, auch die zwanghaften Closed-Minds und idealerweise sogar die Antagonisten für das Neue zu gewinnen. Der Rat lautet also: Kopf einziehen, untertauchen und nur dann auftauchen, wenn es im innovationsfeindlichen Gebiet Sinn macht. Das führt allerdings zwangsläufig in eine kognitive Dissonanz. Mann und Frau müssen genau die Strukturen gutheißen und in ihnen ihr Alltagsgeschäft weiter fleißig verfolgen, die ihnen die Innovation erschweren. Das ist wahrlich nicht jedermanns Sache.
Aber das ist längst nicht genug: Innovation ist, wie Dueck sein Buch schließt, eine Herkulesaufgabe, die sysiphosgleich mit ganzem Herzblut betrieben werden muss. Halbe Sachen gibt’s nicht. Wer innovieren will, muss sich seiner Idee mit Haut und Haaren verschreiben. Und wieder gilt: Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Nur die Wenigsten haben den Mut und die Energie dazu.

Einiges verwundert jedoch: All die exzellent fundierte und wortreich präsentierte Kritik lässt auch den Schluss zu, dass viele, wenn nicht die meisten der bestehenden Unternehmens- und Innovationskulturen in Frage gestellt werden könnten. Aber dem ist nicht so, zumindest nicht wirklich. Dabei gibt es neben mittelständischen Unternehmen auch international aufgestellte Konzerne, die andere Wege beschreiten, als bislang üblich und die genau damit äußerst erfolgreich sind (nur ein Beispiel: W.L.Gore). Eine fundamentale Ursache der “Großproblemlage” besteht im Wachstumswahn der meisten Unternehmen, die (noch) größer werden wollen und deshalb natürlich Prozesse weiter auf Effizienz trimmen und so zu Feinden des Neuen werden. Da müssen dann Mitarbeiter fleißig und loyal das Rädchen in dieser Maschinerie spielen, ohne Möglichkeitsräume zur Entwicklung und Erprobung des Neuen zu erhalten.
Desweiteren verwundert die Tatsache, dass Dueck selbst auf “Innovator’s Dilemma” von Christensen verweist, aber weder dessen Problemanalyse noch seinen mit Beispielen fundierten Lösungsvorschlag wirklich aufgreift. Im Gegenteil: Ausgründungen, für die Christensen zahlreiche erfolgreiche Beispiele bringt, werden als problematisch dargestellt, da schließlich die “Mitarbeiter, die bei einem großen Unternehmen anfingen … nicht in einer kleinen Firma um ihr Überleben kämpfen und selbstverantwortlich ihr Schicksal in die Hand nehmen…” Ich kenne selbst genügend Mitarbeiter, denen es stinkt, dass sie nicht eigenverantwortlich arbeiten können – und die schließlich kündigen, weil sie doch ihr Schicksal in die Hände nehmen wollen.
Letztlich amüsierte mich die altbackene Metapher der rechten und linken Hirnhemisphäre als pseudoneurowissenschaftliches Erklärungsmodell rationaler und intuitiver Informationsverarbeitungsprozesse. Herrje, darüber hat sich der Psychologe Philip Goldberg schon 1983 lustig gemacht: “Bei manchen gilt es schon als schick, nicht mehr nach dem Tierkreiszeichen zu des anderen zu fragen, sondern nach seiner Gehirnorientierung.” (Die Kraft der Intuition: 144). Heute wissen wir wirklich genauer Bescheid. Es ist eben nicht so simpel. Vor allem lässt sich das eine schlicht nicht vom anderen trennen (dazu mehr in meinem Buch “Feel it! Soviel Intuition verträgt Ihr Unternehmen“).

Fazit: Keine Frage, der neue Dueck gehört nicht nur in den (virtuellen) Bücherschrank eines jeden, der irgendwie mit Innovation zu tun hat, sondern vor allem in seinen und ihren Kopf. Für alle die Neues in die Welt bringen wollen, ist dieses Buch unverzichtbar, vor allem dann, wenn sie dies innerhalb eines etablierten Unternehmens vorhaben. Selbst wenn nur eines hängen bleibt: Kopf runter und unter dem Radar der Feinde des Neuen durchtauchen!

Herzliche Grüße
Andreas Zeuch

Dueck, G. (2013): Das Neue und seine Feinde. Wie Ideen verhindert werden und wie sie sich trotzdem durchsetzen. Campus. Hardcover gebunden, 282 Seiten inclusive E-Book. 24,99€

Verwandte Bücher
Clayton, C. et al. (2011)The Innovator’s Dilemma: Warum etablierte Unternehmen den Wettbewerb um bahnbrechende Innovationen verlieren. Vahlen. 
Fried, J. und Hansson, D. (2010)Rework. Business intelligent und einfach. Riemann. 
Ries, E. (2012): Lean Startup: Schnell, risikolos und erfolgreich Unternehmen gründen. Redline.




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